Zimmer ohne Aussicht – Relax Underground

21. November 2018 Mehr

Stundenhotels haben meist etwas Verruchtes, einen schmuddeligen Touch an sich. Der Name klingt nach Abrechnung, Zeit ist dort Mangelware, die Uhr läuft, man geht mit hochgeschlagenem Mantelkragen hinein, am besten durch die Hintertüre. In Japan nennt man derartige Institutionen „Love Hotel“ – wie schön das doch im Vergleich dazu klingt.

 

Underground

 

Das „Special Relax Center“ im Untergrund wurde von der tschechischen Architektin Lenka Míková gestaltet. Es befindet sich in einem historischen Kellergewölbe, hat keine Fenster (wozu auch), kein Tageslicht und ursprünglich war die Anmutung der Gewölbe sicher eher gruselig und hat mehr an Folter als an eine Arbeitsstätte für das älteste, bezahlte Gewerbe der Welt erinnert. Deshalb war die Entscheidung von Architektin Miková, den Auftrag anzunehmen eine wohlüberlegte. Die Möglichkeit, durch dieses Projekt in eine unvorhersehbare aber eindeutige Richtung zu gelangen, war groß. Es ging ihr bei der Ideenfindung und beim Design darum, eine Antithese zu den weitverbreiteten Klischeevorstellungen eines Stundenhotels zu schaffen.

Welche Architektur, welches Design passt zu diesem Thema?

Dass ein Stundenhotel nicht unbedingt den eingangs erwähnten Klischees entsprechen muss, dass auch an solchen Orten Kultur und Ästhetik sein kann, beweist dieses kleine Etablissement in Prag – Stundenhotel klingt fast übertrieben in diesem Zusammenhang für dieses Designrefugium. Überhaupt scheint unser nördlicher Nachbar punkto Design, Extrava­ganz, Geschmack und Qualität in der Architektur auf der Überholspur zu sein. Um einen eindeutigen Kontrapunkt zum Image eines derartigen Kellerlokals zu setzen, ließ sich Míková von einigen Filmkulissen inspirieren. Da wäre einmal David Lynch mit seinen mysteriösen, aber ästhetischen Stimmungen, die immer eine Überraschung hinter der nächsten Ecke erwarten lassen. Ein weiteres Vorbild ließe sich sicher auch beim Thriller „Under the Skin“ von Jonathan Glazer finden. Auf jeden Fall ging es Miková darum, jeden Anschein von Vulgärem zu meiden und trotzdem die speziellen Ansprüche, die man in so einer Institution sucht, zu erfüllen. Es gelang ihr mit viel Feingefühl sowohl Ziegelwände wie auch Gewölbe zu nutzen, sie unbehandelt weiter bestehen zu lassen, ohne mittelalterliche Gefühle aufkommen zu lassen.

Die Architektin schuf eine Welt, die sich von der Äußeren abschottet, die eigen ist. Ein bisschen mysteriös, leicht bizarr aber doch elegant und vor allem ermöglicht sie intime Stimmungen. Der Besucher wird durch einen unauffälligen (also kein Hut und Staubmantel) Eingang über eine Stiege hinunter in das Dunkle einer sicheren Zone geführt, wie über eine symbolische Schwelle in eine Schatzkammer. Ist ihm einmal der Einlass gewährt, gelangt er in einen langen, schwarzen Gang mit verwirrenden Lichteffekten. Spätestens hier erwartet man, das Alien in der Gestalt Scarlett Johannsen aus der Wand huschen zu sehen, um Männer verschwinden zu lassen. Am Ende des Ganges ist eine Rezeption, von hier geht es dann in die fünf Zimmer. Drei Größere, jedes dieser hat ein spezifisches Wasserenvironment in einer eigenen Farbe. Blau ist „Royal“ mit einem großen Jacuzzipool, grün ist „Relax“ mit einer Badewanne und rot ist „Hot“ und steht für ein spezielles Duscherlebnis. Jedes dieser Zimmer hat auch eine bestimmte Steinstruktur, zum Beispiel ist das Jacuzzibecken in schwarzem Marmor eingefasst, wohingegen die Badewanne und ihre Rückwand aus weißem Marmor bestehen. Die beiden kleineren Räume sind als mit Holz verkleidete Kabinen gestaltet, aber die Struktur des Holzes ist äußerst exotisch. In allen Zimmern wurde, um einen zusätzlichen luxuriösen Touch zu vermitteln, eine weitere dekorative Oberfläche geschaffen. Das grenzt fast an Kitsch, aber wen kümmert das schon in so einer Kelleretage. Intimität wird ausschließlich durch Licht und entsprechende Lichteffekte erzielt, die rohen Mauern sind nur minimalistisch behandelt und durch eine einheitliche Farbgebung aufgewertet worden.

Logischerweise werden alle Zimmer durch die Betten dominiert, es sind jeweils spezielle Maßanfertigungen mit ausgeprägten Kopfteilen. Hier sind dann einige praktische Details von der Designerin versteckt worden – wer sie sucht, der findet sie auch. Generell zielt das Design darauf ab, nicht nur den spezifischen Nutzungen der Besucher zu genügen, sondern mehr um eine parallele Unterwelt, die für kurze Zeit das Leben außerhalb vergessen lässt, zu schaffen.

 

 

Fotos:©BoysPlayNice

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Kategorie: Projekte