Offen für die Welt – Das Gabrium

29. Juni 2018 Mehr

Inmitten der 130 Jahre alten Klosteranlage St. Gabriel – einem imposanten Ensemble aus Backsteingebäuden, Kirche, Park und Feldern mit insgesamt 30.000 m2 Nutzfläche – eröffnete Anfang 2018 „Das Gabrium“. Das neue Seminar- und Hochzeitshotel ist Teil der jüngsten Immobilienentwicklung durch die Steyler Missionare und soll dazu beitragen, das österreichische Stammhaus in Maria Enzersdorf, südlich von Wien, einerseits für den Orden zu halten und andererseits auch nach außen zu öffnen.

Offen für die Welt ist der Missionsorden immer schon gewesen. Die Vielfalt unterschiedlicher Kulturen, die durch die weltweite Missionars­tätigkeit ganz selbstverständlich mit zum Standort gehört, ist deshalb auch prägendes Gestaltungselement. Das Storytelling im Gabrium musste somit nicht erst implementiert werden. Es war im Gegenteil immer schon da und brauchte nur eine stringente Erzählstruktur. Für diese zeichnet Interior Architektin Isa Stein verantwortlich, die Vorhandenes behutsam zu filtern und stimmig zu ergänzen wusste.

 

Gabrium

 

Jede Etage ein Kontinent
Die insgesamt 20 Zimmer und drei Suiten sind auf vier Stockwerke verteilt. Jede Etage widmet sich jeweils einem Kontinent, mit dem der Orden verbunden ist. Ein für den Erdteil typisches Muster prägt die Deckengestaltung in den Gängen und das Betthaupt, die Spiegelumrahmung und die Tagesdecke in den Zimmern. „Europa“ ist von der Welt der Märchen aus der Sammlung von Victor Graf von Stein inspiriert. „Südamerika“ ist über Wandtattoos mit den Sonnengöttern verbunden und in „Asien“ können Gäste nach Indien, Syrien oder China gedankenreisen, während in „Afrika“ ein marokkanisches Wohnzimmer entstanden ist. Da und dort alte Fotos, antike Möbel und Lampen aus aller Welt sowie passende Bücher, Reisenotizen und originale Koffer der Steyler Missionare komplettieren die Einrichtung.
„Das Konzept knüpft an die Werte des Ordens der Steyler Missionare an, der in mehr als 80 Ländern der Erde aktiv ist“, erläutert Geschäftsführerin Maria Homm die Idee hinter der Inneneinrichtung: „Wenn Menschen verschiedener Kulturen miteinander respektvoll umgehen, können sie gut zusammenwirken.“
Dass alle Kontinente gut zusammen wirken, beweist der Eingangsbereich des Hauses, wo sich Elemente aus allen Teilen der Welt zu einem stimmigen Ganzen vereinen. Der Eingang liegt übrigens verkehrsberuhigt in einem der Innenhöfe der Anlage und ist somit nur zugänglich, wenn man bereits einen Teil der Anlage passiert und so einen ersten Eindruck von den abwechslungsreichen Lebenswelten von Sankt Gabriel gewonnen hat.
Gäste betreten dann zunächst einen hohen, strahlend weißen Vorraum, der durch raumhohe Verglasungen mit dem Foyer verbunden ist. Auch die Eingangshalle ist beeindruckend hoch und strahlend weiß. Fast gebietet sie Ehrfurcht, wären da nicht die vielen bunten Sitzgelegenheiten aus aller Welt, die zum entspannten Platznehmen einladen und dazu die langgestreckte Kaffeebar, die Begrüßungsgetränk, Nachmittagstee und Hotelrezeption zugleich abdeckt. Ja, das Gabrium ist groß und ehrwürdig, dabei aber zugleich unaufgeregt und entspannt.

Zielgruppe
Den Rahmen für alle Hotelräume bilden die kontemplative Lebenswelt der Missionare, das ehemalige Schulungszentrum, von wo aus mehr als zweitausend Mitbrüder ihren Weg hinaus in die Welt antraten und die schlichte und zugleich beeindruckend erhabene Architektur des Klosterbaus. Wellness braucht hier kein Hallenbad, sondern passiert im Gegenteil auf rein spiritueller Ebene. Muße, Ruhe und Einkehr gehören zu den heute seltenen und damit umso begehrteren Elementen echter Erholung. Im Gabrium gibt es davon reichlich. Wer trotzdem nicht auf sein Fitnesstraining verzichten möchte, kann neben Radfahren, Joggen oder Wandern auch das neue Fitnessstudio besuchen, das wenige Meter vom Hoteleingang jüngst seine Pforten eröffnete und besondere Kooperationsangebote für das Hotel mit im Gepäck hat.
Geselliger wird es im Gabrium natürlich, wenn ganze Hochzeitsgesellschaften das vielfältige Angebot nutzen: In der Kirche darf gerne auch bei bester Orgelmusik geheiratet werden, der idyllische Park eignet sich ideal für Hochzeistfotos, die Buchbinderin vor Ort rahmt das Hochzeitsalbum, die Schnabulerie, die nebenan ihre Manufaktur hat, liefert exklusive Torten und im großen historischen Speisesaal gibt es sogar eine Bühne inklusive Bühnentechnik. Hochzeitsgäste können nach der Feier über Nacht bleiben und am nächsten Tag die Fahrradprofis oder den Klosterbauern besuchen, die sich ebenfalls auf dem Gelände des Klosters eingemietet haben und die neuen Lebenswelten Sankt Gabriel komplettieren.
Neben privaten Feiern sind aber auch Seminare und Firmenevents ein wesentliches Standbein des Hotels. Neben dem großen Speisesaal steht auch ein kleinerer Gewölbesaal mit separatem Buffetbereich zu Verfügung, der sich optimal auch für Vorträge und Seminare eignet. Und im Obergeschoss wurden einige der Schulungsräume aus Zeiten des hiesigen Hochschulbetriebs zu fünf modernen Seminarräumen umfunktioniert und bieten dort modernste Präsentationstechnik kombiniert mit einzelnen Tischen aus den alten Universitätszeiten. Ideal auch für die zahlreichen Büros, die sich nach und nach auf den noch freien Flächen des Klosterbaus einmieten.

Zentrale Werte
Die Öffnung für Hotelgäste war für den Orden keine leichte Entscheidung und verlangte den Ordensbrüdern viel Mut ab. Immerhin werden nun Besucher aus aller Welt Tür an Tür leben mit den rund vierzig Ordensbrüdern, von denen viele bereits von ihrer Missonstätigkeit in den wohlverdienten Ruhestand zurückgekehrt sind.
Dass aber Ruhe und lebhaftes Miteinander, ein buntes Kommen und Gehen und das friedliche Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen problemlos nebeneinander möglich sind, beweist bereits seit mehr als zwanzig Jahren das ebenfalls in einem Nebengebäude des Klosters beheimatete Flüchtlingsheim der Caritas.
Besonders auch, da im Hotel die zentralen Werte des Ordens aufgegriffen und weitergelebt werden. Einer davon ist der Dialog und die Achtung vor anderen Kulturen, ein respektvoller Umgang und ein faires Miteinander – gegenüber Gästen, Mitarbeitern und Produkten. Ein anderer ist die Bewahrung der Schöpfung – hier in Form von Nachhaltigkeit und ökologischem Bewusstsein. So wurden im Hotel viele „gebrauchte“ Möbel als Gegenentwurf zur Wegwerfgesellschaft wieder aufbereitet und Produkte aus sozialen und nachhaltigen Projekten eingesetzt, wie etwa die aus PET-Flaschen gefertigten Lampen in den „Südamerika“-Zimmern. Ein Highlight ist auch die Fotovoltaikanlage am Standort Sankt Gabriel. Eine heute zum Glück nicht mehr ungewöhnliche Ergänzung bei Hotelbauten. Der Immobilienfonds der Steyler Missionare wollte aber mehr als nur einem Trend folgen und realisierte auf eigene Kosten auch gleich noch eine Fotovoltaikanlage für ein Spital in Indien mit. Eine Investition, die den Betreibern dort nicht nur eine Kostenersparnis sondern auch die Unabhängigkeit vom lokalen Stromnetz verschafft und die sich angesichts der Gesamtkosten für den Umbau durchaus einkalkulieren ließ, wurden doch alleine für die Renovierung der 45 Wohnungen der Ordensmitglieder 6,5 Millionen und für das Gabrium selbst rund zehn Millionen Euro investiert.

 

 

Storytelling mit Geschichte

Im Gabrium ist keines der Zimmer gleich, jedes Stockwerk erhielt ein anderes Hauptmuster. Die Speisesäle, das Foyer und der Festsaal sind hingegen eine Mélange der Welten, in der sich buntgemischt alle Ideen treffen. Diesen Bogen zu spannen und eine Gesamtkomposition entstehen zu lassen, war für Isa Stein die größte Herausforderung. Wir sprachen mit der Architektin, Innenarchitektin und Künstlerin Isa Stein über die Komplexität der selbst begonnenen Designgeschichte:

Wie sind Sie an das Projekt herangegangen?
Im Juni 2015 sind wir vom Bauherrn zu einem Innenarchitekturwettbewerb eingeladen worden. Unser Ansatz war das Thema der verschiedenen Welten. Nachdem das Hotel in das Missionarshaus integriert wurde, wollten wir den Gästen verschiedene Kulturen erlebbar machen. Wir haben die Stockwerke in Kontinente unterteilt und sind themenspezifisch mit jedem Zimmer anders auf den jeweiligen Kontinent eingegangen. Keines der Zimmer ist ident. Lediglich die Schreibtische und die Betten mit dem integrierten Bücherregal sind vergleichbar.

In jedem Zimmer gibt es Wandtattoos.Was steckt dahinter?
Ein großes Thema war die Verwurzelung des Körpers. Dieses haben wir mit dem Thema Tattooing aufgegriffen. In unserer heutigen Kultur ist das Tattoo auch in der westlichen Welt angekommen. Es schafft Identität und „Stammeszugehörigkeit“. In Südamerika und Afrika haben wir deshalb Symbole, Götter und Tiere abgebildet, in Europa Buchseiten aus Kinderbüchern. Nur für Asien haben wir eine private Fotosammlung von 1920 aus Jodphur bekommen und dieser den Vorrang gegeben.

Wie sind die öffentlichen Bereiche gestaltet?
Die Lobby ist ein Meltingpot, auch hier haben wir die Rezeption inszeniert und ein Muster dafür entwickelt. Der Raum öffnet sich nach oben und in die Breite. So suggertiert etwa die verspiegelte Rückwand noch mehr Größe. Die spartanischen Lampen lassen wiederum viel Raum Richtung Decke. Für den Boden haben wir Vintagefliesen verwendet, an den Wänden sorgen Türelemente, Ketten und Teppiche für erdende Wohnlichkeit. Für den daran anschließenden Teeraum haben wir den Großteil der Möbel aus Marokko importiert. Und im Speisesaal haben wir das Afrikamuster aufgegriffen, das den Raum bestimmt. Die Muster sind klar und deutlich, lassen jedoch trotzdem Gestaltungsspielraum.
Farb- und Materialkonzept sind wiederum von den jeweiligen Kontinenten inspiriert. In Afrika sind die Farben eher laut, in Europa klar, in Südamerika gedämpft aber trotzdem kräftig und in Asien in Pastelltönen.

Was war für Sie das Highlight bei diesem Projekt?
Die Entstehung des Konzepts war selbst eine Reise. Wir haben keinen der gestalterischen Mosaiksteine vorher gekannt. Es ist eine neue Komposition entstanden und wir durften uns mit diesem Projekt extrem weiterentwickeln.

 

 

Fotos:©Isa Stein Studio

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Kategorie: Newsletter, Projekte